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Wanderbericht OG Weil der Stadt
Griechenland
 


Verlockendes Land der Helenen

Von Null auf  2 800 zum Göttervater Zeus :
Zehn Höhepunkte an zehn Tagen im Mai 2007

Ist es die Maiensonne oder ist es die tausendjährige Geschichte ?
Das Land der Griechen ist immer ein Lockmittel und wird es bleiben : Eine Region, in der viele Völkerscharen in Jahrtausenden so vieles erlebt, erduldet, ertragen, aber auch erreicht und geleistet - und wieder verloren haben. Es  wird für viele Völker der Welt immer ein bedeutender Platz der Geschichte sein. Das gilt unabhängig von der strahlenden Sommersonne, die das Land fruchtbar werden – in jedem Herbst vertrocknen und in jedem Frühjahr neu aufblühen lässt.

Weite Strecken zu den Zielen
AEGEAN  ist seit sechs Jahren wohl nicht nur eine Fluglinie; auch Tankstellen und andere Betriebszweige scheinen unter der neuen Flagge zu gedeihen. Aegean-Air bringt jedenfalls unsere 23-er-Gruppe sicher von Stuttgart nach Thessaloniki und nach zehn erlebnisreichen Tagen wieder pünktlich zurück. Früher war man allein dem Preisdiktat der staatlichen Olympic ausgeliefert; das scheint vorbei zu sein. Ein aufmarksamer Busfahrer steuert den einst deutschen Reisebus  wohl gute 1 750 km sicher durch das weite Land und findet nicht nur auf Autobahnen meist auch die versteckten Ausfahrten. Weite Entfernungen auf diese Weise zu überwinden entspricht exakt unserem Plan, um wesentliche Ziele und Themen  in einem knappen Programm sinnvoll unterzubringen.

Gäste aus der ganzen Welt
Unser besonders freundlicher Hotelier in Delphi untermauert es mit deutlichen Zahlen und baut gerade für seine zweite Tochter gleich neben seinem „Kastri“ ein neues Hotel: Die Gruppen von Tagesgästen nehmen beständig zu, erst recht seit dem Jahre 1990, der Öffnung des Ostblocks. Auf den ersten Plätzen rangieren Gäste aus Polen, Russland, aus China, Korea und Japan - und nicht nur zur Sommerszeit; sie haben die Amerikaner und Franzosen, die Niederländer, Belgier, Schweden und Deutschen längst überrundet. Welcher Rezeptionschef registriert schon eine Belegung von über 80 Prozent im ganzen Jahr! 

Geschichte kommt und geht
Geschichte ist an wenigen Plätzen unserer Erde so mit Händen zu greifen wie im Lande der Helenen. An jeder neuen Baustelle blicken die Griechen in ihre Vergangenheit! Wir können nur staunen und bewundern: Derart hoch entwickelte Kulturen hat unsere Erde schon vor Jahrtausenden  erlebt, deren Zeugnisse wir Zeitgenossen nur erahnen können. Mit großer Achtung erleben wir solch einzigartige Dokumente in großer Vielfalt wie in Delphi oder Epidaurus, auf der Akropolis von Athen und in den Königsgräbern von Vergina – oder auch in jener versteckten Kanzel-Kirche am Rande von Kalambaka. Acht bedeutende historische Plätze liegen in zehn Tagen an unserer Reiseroute.  

Historie aus kundigem Munde
Damon Vassiliadis, unser sachkundiger Berg- und Wanderführer, Heimatkundler und leidenschaftlicher Sozial- und National-Politiker im Ehrenamt, nützt die Fahrten, um uns Hintergründe und Zusammenhänge näher zu bringen. So können wir jetzt mehr Verständnis dafür aufbringen, warum etwa jene „kleinasiatische Katastrophe“ Griechen und Türken als  Anrainer der Ägäis so schwer zueinander finden lässt: Erst vor 80 Jahren mussten Türken und Griechen zu beiden Seiten des Schwarzen Meeres ihre Heimatgebiete verlassen und wurden zwangsweise ausgetauscht und  umgesiedelt. Aber auch von  Norden her, von den neuen Mazedoniern aus Skopje wittern die Süd-Makedonier große Gefahren. – Wie soll daraus ein großes „Europa“ werden, - fragen wir uns immer aufs Neue ? 

Für Wanderer funktioniert Europa
Für Wanderer scheint der Weg nach Europa bereits gesichert – und so folgen wir gerne diesen Spuren, um Kultur vereint mit Wandern zu erleben. Bei Kalambaka begegnet uns erstmals das gelbe Quadrat (auf der Spitze stehend) mit dem Zeichen „E 4“ der europäischen Wanderer. Es begleitet uns erneut entlang des Schwellenwegs der Schmalspurbahn in der Vouraikos-Schlucht und natürlich auch beim Aufstieg zum Olymp.

Schwäbische Gefolgsleute um Georg Fahrbach, den leidenschaftlichen Wanderer, Hohenloher Wengerterssohn und Stuttgarter Bankdirektor, hatten seit 1969 den Gedanken grenzüberschreitender Wanderwege konsequent verfolgt. Mit der von Fahrbach gegründeten Europäischen Wandervereigung EWV entstand ein Netz von elf  internationalen Wegen, das in 30 Ländern zwischen dem Nordkap und dem Mittelmeer fast 50 000 km weit reicht; der  E 4 ist einer davon, beginnt am Atlantik bei Gibraltar und endet nach  6 000 km auf  Kreta am Lybischen Meer, südlich des Psiloritis, des mit 2456 m höchsten Berges der Insel.     

Die Rolle der Kirche über alle Herrscher hinweg
Klöster und Kirchen übernehmen in Griechenland heute wie einst eine wichtige Rolle im Leben der Bevölkerung. Der Pope (verheiratet) spielt in Dorf und Stadt eine wichtige Rolle; die Kirche ist reich und hat Einfluss auf das Geschehen, wenn auch die Bindung des Einzelnen oberflächlich erscheint, sein Benehmen in der Messe wenig ehrfürchtig. Nach den Regeln der byzantinischen Kirche spielen die Bilder der Heiligen eine große Rolle; so werden die Ikonen verehrt und häufig geküsst. Der oberste Hirte der Byzantinischen Kirche residiert in Konstantinopel; nach der Tradition muß er als Grieche hier geboren sein – inmitten der muslimischen Minarette.

In den Kirchen, die wir sehen, sind die alten Bilder der Heiligen während der vierhundert-jährigen Türkenherrschaft stark beschädigt, die Augen oft ausgekratzt worden. Allein den Kirchen verdanken es die Griechen, dass ab 1819 nach verlustreichen Aufständen die Türken vertrieben wurden. Auch während des zweiten Weltkrieges ab 1941 gerieten die Kirchen oft zwischen die Fronten, den gut organisierten Partisanen in den unzugänglichen Bergregionen und den italienischen und deutschen Besatzungstruppen. So manches Mahnmal erinnert an Machtkämpfe zu allen Zeiten der Weltgeschichte.

Wege zwischen Berg und Meer
Wir Wanderer sind in friedlicher Mission unterwegs. Wir sind auch weniger gefährdet als das kleine Volk der Griechen. Wer in Griechenland die Wanderschuhe schnürt muss sich auf Berge einstellen. Richtige Berge ragen steil in die Höhe und sind meist steinig; umso schöner können die Ausblicke von der Höhe sein. Wer auf die griechischen Berge steigt kann in allen Höhenlagen Zeugnisse alter Kulturen finden : Klöster, Kirchen, Burgen, antike Städte, Stadtmauern aus tonnenschweren Quadern. Die Geschichte ist immer dabei. 
Nur ein paar Beispiele solcher Wanderstrecken liegen an unserer Tour: Zur zünftigen Einstimmung gleich an den Felswänden der Meteora-Klöster schmale Pfade und steinige Abstiege (mit zweifelhaften Abzweigungen), am zweiten Tag ein sonniger Mittagsspaziergang am Parnass zur Rast an der Korykischen Grotte. Den Beweis unseres Steh- und Gehvermögens brachte schließlich die Schwellentour mittags ab vier drei Stunden abwärts durch die Vouraikos-Schlucht. Nach diesem zünftigen Training waren wir gerüstet für die zwei harten Tage am Olymp !     

Kontakte auf Tuchfühlung
Regengüsse, Nebel, dichte Wolken und Schneefälle halten uns viele Stunden in der Olymp-Hütte fest; da heißt es am offenen Kamin zusammenrücken um das olympische Feuer, auf internationale Tuchfühlung gehen mit anderen Bergwanderern. Da tauchen  zwei kräftige Männer mit Bürsten-Haarschnitt auf, die die Globalisierung der Erde beispielhaft demonstrieren: Zwei aktive Tschechen, des Englischen mächtig, die in Przrien im Kosovo Sicherheitsdienste für amerikanische Firmen leisten - und für ihre ersten Urlaubstage den Olymp angesteuert haben.
Weniger zünftig erscheint uns die große Gruppe amerikanischer Studentinnen, die mit überschäumender Fröhlichkeit nicht nur  das offene Feuer im zweiten Gastraum umlagert. Ob Zeuss deren mutige Turnschuh-Attacke akzeptiert hat, werden wir nie erfahren. Ein Münchner Paar mit riesigen Rucksäcken ist ab Litochoro allein aufgestiegen, hat draußen im Zelt übernachtet und schwärmt von der gesunden Frische der Frostnacht; wir halbieren für Beide als Mitfahrer den Abstieg unter Sturzbächen und verhelfen ihnen damit zu weiteren zünftigen Zelt-Nächten auf griechischen Inseln.  

Sommerliche Vegetation am Wanderweg  in Hülle und Fülle
Das Maiglöckchen auf 1 200 Metern im Bergwald des Olymp-Massivs ähnelt für den flüchtigen Passanten durchaus seiner Schwester im Schwarzwald.  

Der kundige Wanderer kommt aber schon ins Schwärmen darüber, was sich aus der tausendfältigen Blumenwelt hier im Süden zwischen Platanen, Buchen, Ahorn, Kiefern  und auch hundertjährigen, stämmigen Tannen an den steinigen Bergflanken wohlfühlt. Auf den fruchtbaren Ebenen im Binnenland gedeihen Orangen und Zitronen, Pfirsiche und Mandeln, Äpfel, Kirschen und Pistazien; die Pflanzen müssen allerdings auf ihren Terrassen häufig bewässert werden. Zwischen vielen Büschen entdecken Kundige den Blasenstrauch, den Perückenstrauch, den (leider verblühten) Judasbaum oder den Granat-Apfel-Baum, dessen Früchte wir mutig versuchen.   

Dem legendären Olivenbaum begegnen wir an vielen Plätzen im ganzen Land, so auch nahe des Golfs zwischen Itea und Delphi, im größten Olivenhain Europas, vielleicht auch dem größten der Welt; er wurde im 15. Jahrhundert von Venezianern angelegt.   

Beim Aufstieg zum Olymp sind wir über der Tausendmetermarke schon fasziniert, die seltene Schachblume, den Milchstern, die Ragwurz, ein hellgelbes Knabenkraut, das weiße Waldvögelein oder die Schopftrauben-Hyazinthe zu entdecken. In dieser meist milden, aber auch extrem frischen Klimazone hoch über der Ägäis scheinen sich auch weiße und rote Zistrosen wohlzufühlen, ebenso die lilafarbene Kreuzblume, das weiße Schleifenkraut, die blaue Gretel im Busch, der rote kriechende Tragant, die blaue Katzenminze, das rankende Geißblatt, die tiefrote einblütige Platterbse, auch die gelben Habichtskräuter und verschiede Glocken- und Flockenblumen mediterraner Familien.  

Mehr im Binnenland wie zu Füßen der Meteora-Felsen, am Anfang der Vouraikos-Schlucht oder auch auf dem Parnass am Weg zur Korykischen Grotte konnten unsere Blumen-Liebhaber so manche Besonderheit erkennen: Das feingrüne Steckenkraut, die rote Spornblume, den rosa Pippau, rosa Oleander,  prächtige Königskerzen, verschiedene Wolfsmilch-Gewächse und  gelbe Ginsterarten, das Sandröschen in gelb-braunem Ton, in blau die Kugeldistel, leuchtend rot die Fexiernelke, Schneckenklee und die Mariendistel. Am Wanderpfad zwischen den Meteora-Felsen entdecken wir eine absolute Seltenheit: ein Aronstab-Gewächs, fast ein Meter hoch, eine rote „Schlangenwurz“! Die Blätter der Akantus-Pflanze liefern mit ihren klaren Konturen immer wieder die Chance zum Vergleich:  an den Kapitellen mit Akantus-Blättern sind die korinthischen Säulen von dorischen und anderen Säulen zu unterscheiden.  

Deshalb zum göttlichen Olymp – wie 1988 !

Griechenland hat viele Berge,  beherrschende Massive. Die antiken Schriftsteller preisen all diese Gebirge, auch auf den vielen Inseln, vor allem vom Peloponnes über Thessalien bis hinauf nach Makedonien. Nur eines der Gebirge überschattet alle anderen, so wie einst Zeus alle anderen Götter beherrschte: der Olymp!  Hier hatte Zeus seinen Thron. Von diesem Berg leiteten er, seine leidgeprüfte Gattin Hera und seine ungezügelten Nachkommen ihren Namen ab: die olympischen Götter !  Im Sprachraum um das Mittelmeer gibt es allerdings mehr Berge dieses Namens, der zunächst einfach „Gebirge“ bedeutet. Aber an diesem Berg wurden alle anderen gemessen.

Die alten Griechen glaubten, dass die schneebedeckten Gipfel des Olymp so weit entfernt seien, dass dort zu wohnen nur den Göttern möglich sei, - dass sie hinter den dicken Wolken, die den Gipfel gewöhnlich (auch heute) umgeben, ihr Leben in Abgeschiedenheit verbringen. Auch waren sie davon überzeugt, dass die Luft zum Atmen so dünn sei, dass Menschen dort nicht atmen, nicht einmal Vögel dort fliegen können.

Heiner und Heide Weidner, SAV Beilstein
Aktuelle Adresse e-mail: weidweil@t-online.de
Am Heinrichsberg 33/1, 71263 Weil der Stadt
Fon + Fax 07033 – 137 851
 

So erlebten die beiden Weidners mit anderen Europa-Wanderern zum EWV-Treffen 1988 in Delphi  am 11. Oktober 1988 den Tag am Olymp:

Die Morgentoilette fällt bescheiden aus. Um 7 Uhr wird gefrühstückt. Die Sonne ist schon heraufgekommen. Um halb Acht versammeln sich die Bergwanderer vor der Hütte um Damon, den bewährten Bergführer. Er gibt klare Anweisungen für das Verhalte am Berg. Es geht ständig bergauf durch ein Gebiet mit spärlicher werdendem Baumbestand. Die Mulis traben von der Nachtweide zurück zur Hütte. Wir waren ihnen dankbar, dass sie am Vortag die Rucksäcke und noch dazu den beinverletzten Reinhold zur Hütte hochgetragen hatte. Bald verlassen wir die spärlich bewaldete Zone und kommen bei 1300 Höhenmetern in die karge Felsregion.

Der Pfad wird zunehmend steiler. Keiner spricht ein Wort. Mit Handschuhen fühlen sich Felsnasen weniger kalt an. Der Abstand vom Bergführer zum Gruppenende vergrößert sich immer mehr bis zum ersten Trink-Stopp; „man rennt nicht auf einen Berg und lässt sich auch nicht auf Abkürzungen ein“, lautet Damons Devise.

Um 10.15 Uhr erreichen wir die Skala (2866 m), unser erstes Ziel. Von der schiefen Ebene des ersten Gipfels mit E-4-Wegschild genießen wir die phantastische Aussicht in weite Fernen. „Nur an einem von zehn Olymp-Touren hatte ich bisher dieses Glück“, gesteht Damon; wir haben einen der wenigen Sonnentage am Gipfel erwischt. Die „Rote Truppe“ mit Carolas roten Tschibo-Wollmützen, Schälen und Handschuhen posiert für die Fotografen. Ein blutjunges Hochzeitspaar aus Los Angelos wird von uns mit eingekleidet! Wir stärken uns aus den Schätzen im Rucksack und genießen die wärmende Mittagssonne.

Die ganz Mutigen und Schwindelfreien klettern drüben auf den spitzigen Mytikas (mit 2917 m der höchste der vier benachbarten Olymp-Gipfel); wir schauen ihnen durchs Fernglas dabei zu. Gemeinsam geht’s später durch einen Sattel und über ein Geröllfeld  zum zweithöchsten im Massiv, dem Skolio (2911 m). Hier schreiben wir unsere Namen ins Gipfelbuch, genießen Sonne und Aussicht. 

Heute waren die Götter uns gnädig gesonnen; Reinhold hatte zuvor für uns alle einen Beinmuskel geopfert...

 


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