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Wanderbericht Filsgau
Frankreich, Haute Provence
Landschaftserlebnisse und Wandereindrücke von der Haute Provence

Nach langer Fahrt auf der Route Schaffhausen - Genf - Grenoble Halt in Sisteron, einer Kleinstadt, die auch das "Tor zur Provence" genannt wird. Beim Öffnen der Bustüren schlägt uns die nachmittägliche Hitze des Südens entgegen. Durch die Altstadtgassen steigen wir hinauf zur selbst von Napoleon gefürchteten Zitadelle. Von den Zinnen ein herrlicher Blick auf die vom Fluss Durance durchbrochene Felsenpforte und auf das zu Füßen liegende Häusergewirr der Altstadt. Auf der Weiterfahrt bereits typisch provençalische Dörfer, inmitten von Oliven- und Mandelbaumhainen Getreide und Weinfelder. Das Städtchen Forcalquier mit platanenbestandenem Marktplatz haben wir passiert und erreichen unser am Fuße der Montagne de Lure (des Luregebirges) gelegenes Hotel, in dem wir uns für die nächsten acht Tage einquartieren. "Wir"? Das sind 43 Wanderlustige, vorwiegend Wanderwarte und Wanderführer, aus dem Filsgau unter der Leitung von Gauwanderwart Martin Schmid.

In der morgendlichen Kühle ein erfrischendes Bad im Schwimmbecken. Busfahrt aufwärts in die stille Bergwelt des Luregebirges. Die letzten 200 Höhenmeter zu Fuß. Vom weitflächigen kahlen Gipfelmassiv der Lure (1826 m) ein überwältigender Rundblick auf unser Wandergebiet der kommenden Tage. Der Ausblick wird nur durch den in der Ferne des Horizonts zunehmend aufkommenden Dunst der Mittagshitze begrenzt. Nach der Rast in einer Berghütte im schattigen Waldbestand weiter hinab zu einer von uralten Lindenbäumen beschützten Waldkapelle. Busfahrt auf atemberaubender Bergstraße hinauf zum Plateau von Ganagobie, Rundgang mit Sicht auf das fruchtbare Flusstal der Durance. Besichtigung der romanischen Abteikirche von Ganagobie. Auf verblichenen Glanz und ehemals prächtige clunyazensische Dekoration weisen das einzigartige großflächige Bodenmosaik und das romanische Eingangsportal hin. Abendessen auf der Hotelterrasse im Abendschatten der Platanen mit Blick über die Getreidefelder und Olivenhaine und zu den zum Gipfel der Lure hinaufziehenden Wäldern.

Anfahrt über Apt nach Oppède le Vieux, ein kleines ehemaliges Waldenserdorf, an die nordwestlichen Berghänge des kleinen Luberon geklammert. Das Dunstblau des Himmels verspricht einen heißen und anstrengenden Wandertag. Schroffe Felsmauern umrahmen einen zunächst düsteren Talgrund, der die Erinnerung an die in diesem Gebiet ausgetragenen Grausamkeiten an den Waldensern noch unterstreicht. Der Talgrund weitet sich, eine offene, windzersauste, nur kümmerlich bewachsene Hochfläche ist mühevoll in flimmernder Mittagshitze erreicht. Jahrhunderte alte Zedern bieten ihren Schatten zur Mittagsrast. Von steil abfallenden gewaltigen Kalkfelsbastionen ein eindrucksvoller Talblick. Steiler Abstieg durch gnadenlos sonnenbeschienene Südhänge. Endlich der ersehnte Waldschatten, und dann beginnt die Schlucht mit dem fast schwäbischen Namen Gorges de Régalon (wie Gurgel). Die enge, stellenweise nur mannsbreite Felsenkluft wird trockenen Fußes durchstiegen. Brunnenwasser im Schatten von zikadenbesetzten Bäumen bietet Labsal, bevor der Bus uns durch die fruchtbaren Weinhänge entlang der Südseite des Luberon zum Hotel zurückbringt.

Die Anstrengung des Vortages rechtfertigt heute eine Busfahrt. Zunächst durch den Ort Banon, aus dem der gleichnamige, aus Ziegenmilch hergestellte und in Kastanienblätter gehüllte vorzügliche Käse kommt. Die Höhen des Vaucluse-Plateaus sind erreicht, blühende Lavendelfelder entlocken immer wieder Ausrufe der Bewunderung. Geradezu in Lavendelfelder gebettet liegt der Ort Sault. Hier ist heute Markttag, wir erleben die Farbenpracht und die Vielfältigkeit des Warenangebots eines typischen provençalischen Marktes. Weiterfahrt, kurvenreich ansteigend, bis zuletzt der 1909 m hohe Gipfel des Riesen der Provence, der Mont Ventoux erreicht ist. Großartiger Rundblick, selbst die Wanderziele unserer Ferienwanderung von 1999 werden von oben wieder erkannt. Der auffrischende Wind drängt zur Weiterfahrt hinab nach Malaucène. Durch Wein- und Obstgärten und durch die Stadt Carpentras erreichen wir wieder den Rand der Vaucluse. Eine interessante Bergstraße windet sich durch Felsen empor, das Landschaftsbild erinnert an die Schwäbische Alb. Auf der steinigen Hochfläche wilde Garrigue. Plötzlich fällt der Blick auf das in einem Talgrund einsam gelegene romanische Zisterzienserkloster Sénanque. Landschaftlich vollkommen abgeschieden, beeindruckt die Abtei im Äußeren wie im Inneren durch Schlichtheit, Formenklarheit, Schmucklosigkeit und Strenge, sie verkörpert damit die asketischen Ordensregeln der Zisterzienser. Ganz im Gegensatz dazu endet für uns der erlebnisreiche Tag wiederum mit typischen provençalischen Speisen und Weinen sowie mit Wanderliedern und schwäbischen Gedichten auf der Hotelterrasse.

Das Luberongebirge läßt uns noch nicht los, auf der einsamen Hochfläche des Grand Luberon beginnt ein neuer Wandertag. Einsame Gehöfte, ein zum Teil verfallenes Herrenhaus, unser Weg durch Felder der Sonne ausgesetzt, Zikadengezirpe, Hitzeflimmern. Überraschend hinter einer Buschgruppe ein kleiner Dorffriedhof. Schwere Grabplatten aus Stein decken die wenigen Gräber, deren für unser Empfinden kitschiger Schmuck erschöpft sich in einigen künstlichen Blumen und Bildern, idyllisch die Friedhofskapelle. Knarrend schließt das eiserne Tor, nach einigen Schritten stehen wir oberhalb der kleinen Ortschaft Buoux, hier scheint die Zeit stillzustehen, obwohl bewohnt, sehen wir keine Menschenseele. Der Weg ortsauswärts an Gärten vorbei, ein blühendes, duftendes Lavendelfeld, dann Buschgruppen, und wir stehen unmittelbar am oberen Rande einer riesigen lotrechten Felsmauer und schauen hinunter ins Tal der Aigebrun. Der Fußweg führt unerwartet bequem durch das Felsmassiv zur Talsohle mit Waldschatten und Wassergeplätscher. Unangemeldet ins nahe gelegenen Restaurant, hier erfahren wir Gastfreundlichkeit bei vorzüglicher provençalischer Küche und Wein. Auf der gegenüberliegenden Talseite aufwärts, der Blick klebt immer wieder an den alles überragenden Felswänden. Verborgen in den hintersten Winkeln der Seitentäler die ehemaligen lebensschützenden Zufluchtstätten von Waldensern. Bei der in der Mittagshitze dösenden Siedlung Sivergues nimmt uns der Bus wieder auf. Nimmermüdes Interesse führt auf der Heimfahrt noch zur kunsthistorisch wertvollen Priorei Salagon mit einem ethnobotanischen Garten und einem mittelalterlichen Garten mit Heilpflanzen und Kräutern.

Wiederum schönstes Wetter, heute Busfahrt. Das breite Flusstal der Durance liegt bereits hinter uns, blühende Lavendelfelder soweit man sehen kann, dann der Blick auf einen Stausee, in den sich das türkisfarbene Band des Verdon ergießt. Wir sind am Beginn der Verdon-Schlucht, das wohl grandioseste Naturerlebnis der Provence erwartet uns. Ein Gewirr von Felswänden, im Talgrund der Fluss, auf der Gegenseite die Straße in schwindelerregender Höhe, man wagt noch nicht zu glauben, dass später der Bus dort oben sein soll. Auffahrt auf der rechten Seite des Flusses, durch Felsen, dann über Matten zum Dorf La Palud. Hier wählen wir die Gipfelstrasse. In Kehren steil bergan, die Straße an der Felskante, von Aussichtskanzeln gleiten die Blicke den senkrechten Felswänden entlang in die Tiefe bis zur Talsohle, Genußblicke zu den Felsmassiven auf der gegenüberliegenden Talseite. Nun beginnende Talfahrt, zaghafter Blick aus dem Busfenster direkt hinunter zum Fluss, man vermisst Leitplanken, hoffentlich halten die Bremsen. Erleichterung! Das Gelände neigt sich zurück, nach unzähligen Kurven und 23 km Gipfelroute wieder in La Palud. Auf immer wieder interessanter Strecke unter überhängenden Felsen weiter bis zum Talgrund am anderen Ende der Schlucht. Eine Brücke führt zum linken Flussufer. Bald danach steilt die Straße wieder auf, wir können wiederum von Balkonen den Schluchtgrund und gegenüber unsere vorherige Straße bestaunen. Eine weit geschwungene Brücke über ein 250 m tiefes Seitental, weiter hinauf, erneut grandiose Tiefblicke, nun auch noch entgegenkommender Busverkehr, Begegnung in Zentimeterabstand, - - - geschafft! Die Passhöhe des Col d'llloire (964 m) oberhalb der Schlucht ist erreicht, wie am Vormittag vorausgesagt. Nun abwärts bis Aiguines, dort, nach mehr als 120 km Fahrt rund um den Canyon, allmähliche Lösung der Anspannung im Straßencafe. Das liebliche Violett der vorbeiziehenden Lavendelfelder im warmen Licht der Abendsonne erweckt wieder das Gefühl - wir sind immer noch in der Provence.

Morgens bereits im Bus gespannte Erwartung auf den provençalischen Markt in der Stadt Apt. Bis zum Mittag dürfen wir die Farbenpracht und das Treiben des ausgedehnten Marktes in den Gassen der Stadt als ein Fest der Sinne genießen. Nach diesem bunten Markttreiben bietet das farbige Land des Ockers bei Rustrel zusätzlich noch einen Eindruck der Farben der Provence. Hier hat das Zusammenwirken von Mensch und Natur eine bizarre Landschaft aus farbigen Steinen und Erden geschaffen, in der Glut der Sonne leuchten die Erdtönungen vom Blassgrün über Warmgelb bis zum Flammenrot vor dem Kontrast des dunkelgrünen Nadelwaldes und dem zarten Blau des Himmels. Auch nach der langen Heimreise über Grenoble Lyon Strasbourg dauern die Erinnerungsträume an. Landschaft, Natur, und Kultur der Gebirge der Haute Provence werden uns noch lange in ihrem Bann halten.

Martin Schmid, Gauwanderwart Filsgau, 73087 Boll, Hofacker 7, Tel. 07164/3438

 


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