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Endlich in L’Aquila – ein Reisebericht
„Wir wollen auf keinen Fall stören und auch nicht in die Nähe eines
Katastrophentourismus gerückt werden, sonst wäre unser Besuch in der
Hauptstadt der Abruzzen total verfehlt.“ Ein paar Zweifel gab es vor
der Ferienwanderung „Vom Campo Imperatore zum Piano Grande“ schon.
Bereits 2009 hatten die Ferienwanderführer Daniela und Jürgen Haible
in der südwestlich des Gran Sasso d’Italia liegenden Stadt einen
Kulturtag vorgesehen, aber dann bebte im April 2009 die Erde und
nichts war wie zuvor.
Die in Rekordzeit gebauten - einigermaßen ansehnlichen - Wohnviertel
unterhalb des Stadt-Plateaus treiben die Zersiedelung voran. Da kann
man landschaftlich gesehen wohl nichts machen. Neben dem stadtnahen
großen Gewerbegebiet von Bazzano liegt - nur durch die SS17 nach
Pescara und die Eisenbahnlinie getrennt - das fast völlig zerstörte
kleine Onna, wo mit deutscher Hilfe die Casa Onna, eine Art
Dorfgemeinschaftshaus, errichtet wurde.
Jetzt aber in die Stadt! Wir hatten von Protesten der ehemaligen Einwohner gegen
die Absperrung der Innenstadt gelesen, vom italienüblichen Dilemma
gehört, dass wegen Korruption und Zuständigkeitsgeplänkeln wenig bis
nichts vorangehe, und natürlich vom Versickern finanzieller Mittel.
Den intakten großen „Brunnen der 99 Wasserspeier“ können wir an der beschädigten
Stadtmauer entlang zu Fuß erreichen. Zum höchsten Punkt der Stadt
und Ausgangspunkt der empfohlenen Fußgängerroute, dem Kastell, fährt
uns der Bus. Von der wuchtigen, aber im Traufbereich ebenso
beschädigten Burg über den Corso Vittorio Emanuele, die Piazza del
Duomo bzw. Mercato, den Corso Federico II bis zu den Parks südlich
der Altstadt wird saniert und repariert. Die Gebäude sind abgestützt
und mit fachwerklichen Holzkonstruktionen geradezu liebevoll
gesichert.
Bei unserem Halt auf einem kleinen Largo spendete uns ein Grüppchen von Männern
symbolisch Beifall für den Besuch. „Prima, dass Ihr L’Aquila nicht
vergesst.“ Wir können uns entspannen. Wie an vielen Stellen steht
ein Fahrzeug der Carabinieri an der Straßenecke.
Der Markt vom Domplatz findet bis auf weiteres außerhalb neben Einkaufsmärkten
statt. Einzelne Geschäfte im centro storico haben wieder geöffnet.
Soll es ein Anstecker oder ein blau-rotes T-Shirt mit der Botschaft
„I ♥ AQ“ sein? Am Domplatz wurde die Chiesa del Suffragio innen
durch eine Zwischenwand halbiert. Der hintere Teil der Kirche mit
der eingestürzten Kuppel bleibt unzugänglich.
Ob es in den Querstraßen oder den entfernteren Gassen ebenso passabel aussieht
wie auf dem Corso? Wenige seitliche Blicke lassen dies nicht
vermuten. Wir sehen Aufrufe zur Bürgerversammlung, verbunden mit der
wichtigsten Forderung nach Wirtschaftsaufschwung und Arbeit. An den
Bauzäunen findet sich der Wunsch der Einheimischen plakatiert, „ihr“
L’Aquila wiederzubekommen. Sie wollen!
Wir wollen auch, und zwar uns noch morgens einen Cappuccino, ein Eis oder ein
leckeres pikantes Gemüse-Teigteilchen gönnen. Ein kleiner Ansturm
auf das Gartencafé am Ende des Corsos, eine schattige Pause und
weiter geht’s zu Fuß zum Prunkstück, der rot-weißen
Collemaggio-Kirche außerhalb der Stadt: Begehbar und aufgeräumt.
Aber wer sie einmal vor der Zerstörung gesehen hat… Es wurde bisher
„nur“ gesichert und überdacht, aber schon das sichtbar mit einem
Riesenaufwand. Der Kirchenvorplatz war 2009 eine Zeltstadt, auf dem
weitläufigen Platz wurde inzwischen wieder Rasen gesät.
Den größten Kontakt zu Land und Leuten hat erfahrungsgemäß unser Busfahrer, wenn
er mal wieder auf uns wartet, während wir ein Gebirge durchwandern,
egal ob Monti Sibillini, die Laga-Berge oder den Gran Sasso. So auch
in L’Aquila: Auf dem weitläufigen und leeren Busparkplatz fiel unser
deutscher Reisebus auf und Fußgänger erkundigten sich beim Chauffeur
nach „turisti della Germania?“, was sie nach einem „Ja“ lobten und
beklatschten.
Wir kommen wieder! Es geht um die Perspektive, die moralische und (kleine)
finanzielle Unterstützung. Außerdem gibt es noch viele wunderbare
Berge drumherum zu erwandern.
Den Nachmittag des 24. Juni verbrachten wir mit einer landschaftlich
traumhaften Wanderung vom ebenfalls beschädigten Ort Santo Stefano
di Sessanio zur Rocca Calascio in den südlichen Gran Sasso
Vorbergen. Von 1460 m über NN bietet sich dem leidenschaftlichen
Italienfahrer ein ergreifender Blick vom Majella-Gebirge über der
Adria über die Gebirge des Abruzzen-Nationalparks bis zum
schneebedeckten Gipfel des Corno Grande, dem höchsten Apenningipfel
(2912 m) im Gran Sasso.
Andere Wanderziele und kulinarische Stationen der Reise im blühenden
Apennin vom 18. – 26. Juni waren: Riviera del Monte Conero, Valdaso, Monte Vettore/Sentiero dei
Mietitori, Monte Camicia im Gran Sasso, Gole del Salinello, Ascoli
Piceno, Riviera delle Palme.
Weitere Infos unter Email
ferienwandern@gmx.de oder telefonisch unter 07033/390566.(JH)
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