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Egon Schraitle
 
 
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"Rückblicke"

120 Jahre Schwäbischer Albverein
(13. August 2008)
Ansprache von Egon Schraitle
 

Männer und Frauen, die sich durch ihr uneigennütziges Wirken im höchsten Maß um die Allgemeinheit verdient gemacht haben, hat es zu allen Zeiten gegeben, ohne dass ihre Zahl jeweils groß gewesen wäre. Daher wurden sie auch geliebt und verehrt von allen, die ihres Sinnes waren und die sich begeisterten an dem, was von ihnen ausging, was sie gewollt und geschaffen haben.

Wir stehen am Grabe einer solchen außergewöhnlichen Persönlichkeit, am Grabe von Dr. Valentin Salzmann, der am 17.01.1890 im 69. Lebensjahr stehend gestorben ist.

Salzmann, Angehöriger einer alten Esslinger Familie, wurde am 23.05.1821 in Esslingen als Sohn des Apothekers Karl Friedrich Salzmann geboren. Er ließ sich 1847 nach seinen Studienjahren in seiner Heimatstadt als praktischer Arzt nieder, schon früher hatte er sich unter den Ärzten des Landes eine hervorragende Stellung erworben; lange Zeit war er Vorstand des ärztlichen Landesvereins, dessen 50-jährige Geschichte er 1881 geschrieben hat. Neben seinem Beruf beschäftigte er sich mit den Naturwissenschaften, vor allem mit Geologie, Zoologie, Botanik und Astronomie. Zahllos sind seine Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften, die ihm u.a. 1873 einen anerkennenden Brief Darwins einbrachten. Daneben beschäftigte sich Salzmann mit der Esslinger Stadtgeschichte und niemand war in dem früher wenig geordneten reichsstädtischen Archiv so bewandert wie er. Salzmann war selbstlos und bescheiden, gewissenhaft und zartfühlend, stets sorgfältig abwägend, fast zu mild nach außen, nur streng gegen sich selbst und sich nie schonend. Menschenfreundlichkeit kennzeichnet das Wirken seines Lebens; sein Ausspruch, „man muss immer an andere denken und nie für sich selber schaffen“, charakterisiert ihn wohl am besten.

Vor allem aber war Salzmann erfüllt von der Liebe zur Natur und seiner schwäbischen Heimat, insbesondere zur Schwäbischen Alb und seiner Heimatstadt Esslingen. So gründete er 1867 mit anderen den Esslinger Verschönerungsverein und war lange Jahre dessen 1. Vorsitzender. Das Ziel der ab 1845 sich bildenden Verschönerungsvereine war vor allem, in den Städten und Gemeinden das Ortsbild zu verschönern, und was aus unserer heutigen Sicht wohl das Hauptverdienst dieser Vereine war, man setzte sich erstmals für die Erhaltung historisch bedeutender Bausubstanz als Zeugen unserer Vergangenheit ein, so ist es auch dem Verschönerungsverein Esslingen und seinem Vorsitzenden Dr. Salzmann mit zu verdanken, dass manche Bauten dieser altehrwürdigen Stadt erhalten geblieben und nicht der Spitzhacke zum Opfer gefallen sind.

Zu einem weiteren Ziel der Verschönerungsvereine wurde, den Sinn für die Natur und die landschaftlichen Schönheiten zu wecken. So wurden Fußwege zu nahe gelegenen Aussichtspunkten angelegt und bezeichnet, es wurden Bänke und Orientierungstafeln aufgestellt, die Wege teilweise mit Bäumen bepflanzt und vieles andere mehr. Dies alles diente dem Spaziergänger, der sich am Sonntagnachmittag im Freien ergehen wollte; das eigentliche Wandern in unserem heutigen Sinne war damals noch weitgehend unbekannt.

Mit der Zeit gingen die Verschönerungsvereine auch daran, Aussichtstürme zu errichten bzw. vorhandne Türme besteigbar zu machen. So wurde wohl als erster Aussichtsturm in Württemberg 1866 der von Sternenfels geschaffen, es folgte 1873 die Weilerburg durch den rührigen Sülchgauverein Rottenburg und 1898 der Hasenbergturm durch den Verschönerungsverein Stuttgart.

Im Frühjahr 1888 ging nun der Verschönerungsverein Kirchheim daran, seinen ehrgeizigen Plan, auf der Teck einen Aussichtsturm mit Schutzhütte zu bauen, in die Tat umzusetzen. Der Verein mit seinen 240 Mitgliedern stand mit der Finanzierung des Teckturms, Kostenvoranschlag 10.200,- MK, tatsächliche Baukosten sodann 19.000,- MK, vor nahezu unlösbaren Problemen. So trat dieser im Mai 1888 an die Vorstände der benachbarten Verschönerungsvereine mit der Bitte heran, bei der Sammlung von Beiträgen für den Teckturm mitzuwirken. Dr. Salzmann vom Verschönerungsverein Esslingen sagte in seinem Antwortschreiben finanzielle Hilfe zu und fügte weiter beiläufig die Anmerkung bei, dass er regelmäßige Beratungen der Verschönerungsvereine am Albtrauf für wünschenswert halte.

Der Verschönerungsverein Kirchheim stimmte diesem Vorschlag zu, dessen Vorstand Major Kaisch teilte dies Dr. Salzmann am 30. Juni mit, und am 3. Juli richtete dieser folgende Anfrage an die Verschönerungsvereinsvorstände von Geislingen, Göppingen, Urach, Reutlingen, Neuffen und Nürtingen:

„ Bei Albbergtouren drängte sich mir wiederholt der Gedanke auf, wie vorteilhaft es gewiss bei manchen Arbeiten von Verschönerungsvereinen sein müsste, wenn gemeinschaftliche Beratung benachbarter Vereine vorausginge, und daher Delegierte der Vereine des Albtraufs von Geislingen bis Reutlingen jährlich einmal zusammen kämen. Ich erlaube mir die Bitte um Mitteilung, ob Sie damit einverstanden sind oder nicht. Im ersteren Falle würde ich eine Versammlung Delegierter nach Plochingen ausschreiben zu einer Besprechung über den Wert solcher Versammlungen und die Anordnung der selben.“

Nachdem mit Ausnahme von Urach alle angeschriebenen Vereine mit dem unterbreiteten Vorschlag sich einverstanden erklärten, schrieb Dr. Salzmann die Zusammenkunft auf Montag, den 13. August 1888, 16 Uhr, also heute vor 120 Jahren, in das Gartenhaus des Gasthauses „Waldhorn“in Plochingen aus. Der Tagungsort wurde mit Rücksicht auf dessen günstige Verkehrslage gewählt, der Wochentag, da damals nur montags ein Abendzug  nach Urach verkehrte.

Mit Ausnahme von Urach und Göppingen waren die eingeladenen Vereine an diesem 13. August 1888 in Plochingen anwesend; zusätzlich vertreten war Eningen/Achalm. Der Kreis der 12 Männer dieser denkwürdigen Zusammenkunft war:

VV Eningen          Gärtnereibesitzer Rall
VV Esslingen        Dr. Salzmann, Otto Bechtle (Esslinger Zeitung)
VV Geislingen       Prof. Nägele, Oberamtsrichter Märtens
VV Kirchheim       Major Raisch, Oberreallehrer Maurer, Apotheker Hölzle
VV Neuffen          Apotheker Dr. Koch, Oberförster Muff
VV Nürtingen       Oberamtsbaumeister Koch (Erbauer des Teckturmes)
VV Reutlingen      Oberförster Bofinger.

Dr. Salzmann trug u.a. vor, seine Liebe zur Schwäbischen Alb, die er seit seiner Jugendbesuche, hätte ihn bewogen, eine Zusammenarbeit der Verschönerungsvereine am Albtrauf vorzuschlagen. Er habe die Gründung eines  „Schwabvereins“ für die Alb schon seit Jahren im Stillen geplant.

Alle 12 Delegierten waren sich einig, eine solche Vereinigung ins Leben zu rufen. Im Laufe der Beratung wurde auf Vorschlag von Prof. Nägele nicht nur das Gebiet zwischen Fils- und Echaztal, sondern die ganze Alb vom „Neckar- bis zum Donautal, vom Riese bis zum Randen“ in die Verbindung hereinzuziehen. Von Oberförster Muff, Neuffen, wurde weiterhin der Antrag gestellt, nicht nur das Vereinsgebiet, sondern auch die Aufgaben des zu gründenden Vereins über die Tätigkeit der Verschönerungsvereine hinaus zu erweitern, die Alb zu erschließen und die Kenntnis ihrer Schönheiten durch Herausgabe einer Vereins-Zeitschrift, der „Blätter des Schwäbischen Albvereins“ zu verbreiten. So ist am 13. August 1888, an Stelle der zunächst geplanten losen Vereinigung der Verschönerungsvereine am Albtrauf, die Gründung eines Vereins für die Schwäbische Alb, der Schwäbische Albverein, beschlossen worden.

So wurde an diesem denkwürdigen 13. August 1888 der Schwäbische Albverein gezeugt und er wurde dann, um bei diesem Wortspiel zu bleiben, nach 9 Monaten am 5. Mai 1889 auch geboren, d.h. er wurde aus diesem Tag bei der ersten Hauptversammlung des Vereins in Plochingen, und nun in der Gaststätte des Waldhorns auch formell gegründet. Hier wurde Dr. Salzmann zum Vorsitzenden, Rechtsanwalt Ernst Camerer zu seinem Stellvertreter und der Esslinger Stadtpflegebuchhalter Gustav Strömfeld zum Rechner gewählt. Später war letzterer dann Hauptwegewart des Vereins.

Salzmann und Schwäbische Albverein waren leider nur kurze Zeit miteinander verbunden; Salzmann starb 8 Monate nach der formellen Konstituierung des Vereins und seiner Wahl zum Vorsitzenden, als der Verein gerade 500 Mitglieder, davon etwa 10% aus Esslingen, hatte. „Ein tränenreicher Winter liegt hinter uns, … der Albverein sah den ersten und besten Mann, den er hatte, ins Grab sinken“, so musste Eugen Nägele im April 1890 den 2. Jahrgang der Albvereins-Blätter mit dem Nachruf auf den Gründer und den Vorsitzenden des Vereins beginnen.

Die Gründung des Schwäbischen Albvereins war Salzmanns Abschluss und die Krönung seines segensreichen Wirkens für die Allgemeinheit, und es war wohl niemand in dem Maße berufen wie er, sein Gründer zu werden. Sein Schicksal war es, nicht nur das 1. Mitglied, sondern mutmaßlich auch der erste Tote des Vereins zu werden. Die vereinsgeschichtliche Bedeutung Salzmanns neben der Vereinsgründung war, dass er in den ihm noch verbleibenden wenigen Monaten seines Lebens die Ziele des Vereins abgesteckt und seine Entwicklung vorausgezeichnet hat. Nägele schreibt 24 Jahre später im Jahre 1913 beim 25-jährigen Vereinsjubiläum dazu, dass Salzmann bei seinem Tod einen Verein hinterließ, der nur auf der betretenen Bahn fortzufahren brauchte, um das zu werden, was er durch seinen Gründer geworden ist.

In der Hauptversammlung vom 25.03.1890 in Plochingen wurde als Nachfolger Salzmanns zum Vorsitzenden des Vereins der bisherige Stellvertreter und Schriftführer Rechtsanwalt Ernst Camerer gewählt, zu dessen Grabstätte wir nunmehr gehen wollen. Meine mir eingeräumte Zeit reicht nicht aus, um einen Blick auf seine Vita und sein Wirken zu geben. Nur 2 oder 3 Sätze zu Ernst Camerer. Er hatte 24 Jahre den Vereinsvorsitz inne und die Mitgliederzahl des Vereins erhöhte sich in diesem Zeitraum um mehr als das 80-fache von 500 Mitgliedern auf rund 42.000 Mitglieder. Das Amt des Vereinsvorsitzenden war und ist ein Ehrenamt, es nahm aber im Laufe der Zeit die volle Arbeit und Kraft eines Mannes in Anspruch. Es ist ein Rätsel, wie Camerer neben seinem Beruf als vielbeschäftigter Rechtsanwalt diese Last bewältigen konnte. In der Ära Camerer wurde die Vereinsorganisation (Ortsgruppen, Gaue) auf- und ausgebaut, es wurde das Wegenetz angelegt und nach einheitlichen Grundsätzen bezeichnet, es wurden Türme und zahllose Schutzhütten erstellt, seit 1892 Wanderkarten als Vereinsgabe ausgegeben, der Vereinsverlag wurde eingerichtet und vieles andere mehr wurde geleistet. Was der Albverein seit seiner Gründung tun konnte, das hat er geleistet und alle Einrichtungen die der Verein geschaffen hat, haben sich bewährt, das sagte rückblickend Professor Nägele im Jahre 1910.

Beenden möchte ich meine Ansprache mit einem Gedicht von Professor Nägele von 1913, zum Zeitpunkt als er den ersten Vorsitz des Vereins von Camerer übernahm, als die Esslinger Zeit des Albvereins zu ihrem Ende kam und der Vereinssitz nach Tübingen verlegt wurde, ein Gedicht, das in den Blättern des Albvereins veröffentlicht wurde:

Einst führt uns innerer Drang zusammen,
und der Begeisterung edler Flammen
durchglühen noch heut den großen Bund.
Eins fühlt er sich im Heimatstreben,
er pflegt was in Natur und Leben
erhebt und schön ist und gesund. 

So haben wir’s bisher gehalten
und bleiben fernerhin die Alten,
treu dem Verein auf immerdar.
Vom Volk ist seine Kraft gekommen,
dem Volke soll sein Wirken frommen,
von Jubeljahr zu Jubeljahr.

Egon Schraitle
 

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