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Männer und Frauen, die sich durch ihr
uneigennütziges Wirken im höchsten Maß um die Allgemeinheit verdient
gemacht haben, hat es zu allen Zeiten gegeben, ohne dass ihre Zahl
jeweils groß gewesen wäre. Daher wurden sie auch geliebt und verehrt
von allen, die ihres Sinnes waren und die sich begeisterten an dem,
was von ihnen ausging, was sie gewollt und geschaffen haben.
Wir stehen am Grabe einer solchen
außergewöhnlichen Persönlichkeit, am Grabe von Dr. Valentin
Salzmann, der am 17.01.1890 im 69. Lebensjahr stehend gestorben ist.
Salzmann, Angehöriger einer alten Esslinger
Familie, wurde am 23.05.1821 in Esslingen als Sohn des Apothekers
Karl Friedrich Salzmann geboren. Er ließ sich 1847 nach seinen
Studienjahren in seiner Heimatstadt als praktischer Arzt nieder,
schon früher hatte er sich unter den Ärzten des Landes eine
hervorragende Stellung erworben; lange Zeit war er Vorstand des
ärztlichen Landesvereins, dessen 50-jährige Geschichte er 1881
geschrieben hat. Neben seinem Beruf beschäftigte er sich mit den
Naturwissenschaften, vor allem mit Geologie, Zoologie, Botanik und
Astronomie. Zahllos sind seine Veröffentlichungen in
wissenschaftlichen Zeitschriften, die ihm u.a. 1873 einen
anerkennenden Brief Darwins einbrachten. Daneben beschäftigte sich
Salzmann mit der Esslinger Stadtgeschichte und niemand war in dem
früher wenig geordneten reichsstädtischen Archiv so bewandert wie
er. Salzmann war selbstlos und bescheiden, gewissenhaft und
zartfühlend, stets sorgfältig abwägend, fast zu mild nach außen, nur
streng gegen sich selbst und sich nie schonend.
Menschenfreundlichkeit kennzeichnet das Wirken seines Lebens; sein
Ausspruch, „man muss immer an andere denken und nie für sich selber
schaffen“, charakterisiert ihn wohl am besten.
Vor allem aber war Salzmann erfüllt von der
Liebe zur Natur und seiner schwäbischen Heimat, insbesondere zur
Schwäbischen Alb und seiner Heimatstadt Esslingen. So gründete er
1867 mit anderen den Esslinger Verschönerungsverein und war lange
Jahre dessen 1. Vorsitzender. Das Ziel der ab 1845 sich bildenden
Verschönerungsvereine war vor allem, in den Städten und Gemeinden
das Ortsbild zu verschönern, und was aus unserer heutigen Sicht wohl
das Hauptverdienst dieser Vereine war, man setzte sich erstmals für
die Erhaltung historisch bedeutender Bausubstanz als Zeugen unserer
Vergangenheit ein, so ist es auch dem Verschönerungsverein Esslingen
und seinem Vorsitzenden Dr. Salzmann mit zu verdanken, dass manche
Bauten dieser altehrwürdigen Stadt erhalten geblieben und nicht der
Spitzhacke zum Opfer gefallen sind.
Zu einem weiteren Ziel der
Verschönerungsvereine wurde, den Sinn für die Natur und die
landschaftlichen Schönheiten zu wecken. So wurden Fußwege zu nahe
gelegenen Aussichtspunkten angelegt und bezeichnet, es wurden Bänke
und Orientierungstafeln aufgestellt, die Wege teilweise mit Bäumen
bepflanzt und vieles andere mehr. Dies alles diente dem
Spaziergänger, der sich am Sonntagnachmittag im Freien ergehen
wollte; das eigentliche Wandern in unserem heutigen Sinne war damals
noch weitgehend unbekannt.
Mit der Zeit gingen die Verschönerungsvereine
auch daran, Aussichtstürme zu errichten bzw. vorhandne Türme
besteigbar zu machen. So wurde wohl als erster Aussichtsturm in
Württemberg 1866 der von Sternenfels geschaffen, es folgte 1873 die
Weilerburg durch den rührigen Sülchgauverein Rottenburg und 1898 der
Hasenbergturm durch den Verschönerungsverein Stuttgart.
Im Frühjahr 1888 ging nun der
Verschönerungsverein Kirchheim daran, seinen ehrgeizigen Plan, auf
der Teck einen Aussichtsturm mit Schutzhütte zu bauen, in die Tat
umzusetzen. Der Verein mit seinen 240 Mitgliedern stand mit der
Finanzierung des Teckturms, Kostenvoranschlag 10.200,- MK,
tatsächliche Baukosten sodann 19.000,- MK, vor nahezu unlösbaren
Problemen. So trat dieser im Mai 1888 an die Vorstände der
benachbarten Verschönerungsvereine mit der Bitte heran, bei der
Sammlung von Beiträgen für den Teckturm mitzuwirken. Dr. Salzmann
vom Verschönerungsverein Esslingen sagte in seinem Antwortschreiben
finanzielle Hilfe zu und fügte weiter beiläufig die Anmerkung bei,
dass er regelmäßige Beratungen der Verschönerungsvereine am Albtrauf
für wünschenswert halte.
Der Verschönerungsverein Kirchheim stimmte
diesem Vorschlag zu, dessen Vorstand Major Kaisch teilte dies Dr.
Salzmann am 30. Juni mit, und am 3. Juli richtete dieser folgende
Anfrage an die Verschönerungsvereinsvorstände von Geislingen,
Göppingen, Urach, Reutlingen, Neuffen und Nürtingen:
„ Bei Albbergtouren drängte sich mir wiederholt
der Gedanke auf, wie vorteilhaft es gewiss bei manchen Arbeiten von
Verschönerungsvereinen sein müsste, wenn gemeinschaftliche Beratung
benachbarter Vereine vorausginge, und daher Delegierte der Vereine
des Albtraufs von Geislingen bis Reutlingen jährlich einmal zusammen
kämen. Ich erlaube mir die Bitte um Mitteilung, ob Sie damit
einverstanden sind oder nicht. Im ersteren Falle würde ich eine
Versammlung Delegierter nach Plochingen ausschreiben zu einer
Besprechung über den Wert solcher Versammlungen und die Anordnung
der selben.“
Nachdem mit Ausnahme von Urach alle
angeschriebenen Vereine mit dem unterbreiteten Vorschlag sich
einverstanden erklärten, schrieb Dr. Salzmann die Zusammenkunft auf
Montag, den 13. August 1888, 16 Uhr, also heute vor 120 Jahren, in
das Gartenhaus des Gasthauses „Waldhorn“in Plochingen aus. Der
Tagungsort wurde mit Rücksicht auf dessen günstige Verkehrslage
gewählt, der Wochentag, da damals nur montags ein Abendzug nach
Urach verkehrte.
Mit Ausnahme von Urach und Göppingen waren die
eingeladenen Vereine an diesem 13. August 1888 in Plochingen
anwesend; zusätzlich vertreten war Eningen/Achalm. Der Kreis der 12
Männer dieser denkwürdigen Zusammenkunft war:
VV Eningen Gärtnereibesitzer Rall
VV Esslingen Dr. Salzmann, Otto Bechtle (Esslinger Zeitung)
VV Geislingen Prof. Nägele, Oberamtsrichter Märtens
VV Kirchheim Major Raisch, Oberreallehrer Maurer, Apotheker
Hölzle
VV Neuffen Apotheker Dr. Koch, Oberförster Muff
VV Nürtingen Oberamtsbaumeister Koch (Erbauer des Teckturmes)
VV Reutlingen Oberförster Bofinger.
Dr. Salzmann trug u.a. vor, seine Liebe zur
Schwäbischen Alb, die er seit seiner Jugendbesuche, hätte ihn
bewogen, eine Zusammenarbeit der Verschönerungsvereine am Albtrauf
vorzuschlagen. Er habe die Gründung eines „Schwabvereins“ für die
Alb schon seit Jahren im Stillen geplant.
Alle 12 Delegierten waren sich einig, eine
solche Vereinigung ins Leben zu rufen. Im Laufe der Beratung wurde
auf Vorschlag von Prof. Nägele nicht nur das Gebiet zwischen Fils-
und Echaztal, sondern die ganze Alb vom „Neckar- bis zum Donautal,
vom Riese bis zum Randen“ in die Verbindung hereinzuziehen. Von
Oberförster Muff, Neuffen, wurde weiterhin der Antrag gestellt,
nicht nur das Vereinsgebiet, sondern auch die Aufgaben des zu
gründenden Vereins über die Tätigkeit der Verschönerungsvereine
hinaus zu erweitern, die Alb zu erschließen und die Kenntnis ihrer
Schönheiten durch Herausgabe einer Vereins-Zeitschrift, der „Blätter
des Schwäbischen Albvereins“ zu verbreiten. So ist am 13. August
1888, an Stelle der zunächst geplanten losen Vereinigung der
Verschönerungsvereine am Albtrauf, die Gründung eines Vereins für
die Schwäbische Alb, der Schwäbische Albverein, beschlossen worden.
So wurde an diesem denkwürdigen 13. August 1888
der Schwäbische Albverein gezeugt und er wurde dann, um bei diesem
Wortspiel zu bleiben, nach 9 Monaten am 5. Mai 1889 auch geboren,
d.h. er wurde aus diesem Tag bei der ersten Hauptversammlung des
Vereins in Plochingen, und nun in der Gaststätte des Waldhorns auch
formell gegründet. Hier wurde Dr. Salzmann zum Vorsitzenden,
Rechtsanwalt Ernst Camerer zu seinem Stellvertreter und der
Esslinger Stadtpflegebuchhalter Gustav Strömfeld zum Rechner
gewählt. Später war letzterer dann Hauptwegewart des Vereins.
Salzmann und Schwäbische Albverein waren leider
nur kurze Zeit miteinander verbunden; Salzmann starb 8 Monate nach
der formellen Konstituierung des Vereins und seiner Wahl zum
Vorsitzenden, als der Verein gerade 500 Mitglieder, davon etwa 10%
aus Esslingen, hatte. „Ein tränenreicher Winter liegt hinter uns, …
der Albverein sah den ersten und besten Mann, den er hatte, ins Grab
sinken“, so musste Eugen Nägele im April 1890 den 2. Jahrgang der
Albvereins-Blätter mit dem Nachruf auf den Gründer und den
Vorsitzenden des Vereins beginnen.
Die Gründung des Schwäbischen Albvereins war
Salzmanns Abschluss und die Krönung seines segensreichen Wirkens für
die Allgemeinheit, und es war wohl niemand in dem Maße berufen wie
er, sein Gründer zu werden. Sein Schicksal war es, nicht nur das 1.
Mitglied, sondern mutmaßlich auch der erste Tote des Vereins zu
werden. Die vereinsgeschichtliche Bedeutung Salzmanns neben der
Vereinsgründung war, dass er in den ihm noch verbleibenden wenigen
Monaten seines Lebens die Ziele des Vereins abgesteckt und seine
Entwicklung vorausgezeichnet hat. Nägele schreibt 24 Jahre später im
Jahre 1913 beim 25-jährigen Vereinsjubiläum dazu, dass Salzmann bei
seinem Tod einen Verein hinterließ, der nur auf der betretenen Bahn
fortzufahren brauchte, um das zu werden, was er durch seinen Gründer
geworden ist.
In der Hauptversammlung vom 25.03.1890 in
Plochingen wurde als Nachfolger Salzmanns zum Vorsitzenden des
Vereins der bisherige Stellvertreter und Schriftführer Rechtsanwalt
Ernst Camerer gewählt, zu dessen Grabstätte wir nunmehr gehen
wollen. Meine mir eingeräumte Zeit reicht nicht aus, um einen Blick
auf seine Vita und sein Wirken zu geben. Nur 2 oder 3 Sätze zu Ernst
Camerer. Er hatte 24 Jahre den Vereinsvorsitz inne und die
Mitgliederzahl des Vereins erhöhte sich in diesem Zeitraum um mehr
als das 80-fache von 500 Mitgliedern auf rund 42.000 Mitglieder. Das
Amt des Vereinsvorsitzenden war und ist ein Ehrenamt, es nahm aber
im Laufe der Zeit die volle Arbeit und Kraft eines Mannes in
Anspruch. Es ist ein Rätsel, wie Camerer neben seinem Beruf als
vielbeschäftigter Rechtsanwalt diese Last bewältigen konnte. In der
Ära Camerer wurde die Vereinsorganisation (Ortsgruppen, Gaue) auf-
und ausgebaut, es wurde das Wegenetz angelegt und nach einheitlichen
Grundsätzen bezeichnet, es wurden Türme und zahllose Schutzhütten
erstellt, seit 1892 Wanderkarten als Vereinsgabe ausgegeben, der
Vereinsverlag wurde eingerichtet und vieles andere mehr wurde
geleistet. Was der Albverein seit seiner Gründung tun konnte, das
hat er geleistet und alle Einrichtungen die der Verein geschaffen
hat, haben sich bewährt, das sagte rückblickend Professor Nägele im
Jahre 1910.
Beenden möchte ich meine Ansprache mit einem
Gedicht von Professor Nägele von 1913, zum Zeitpunkt als er den
ersten Vorsitz des Vereins von Camerer übernahm, als die Esslinger
Zeit des Albvereins zu ihrem Ende kam und der Vereinssitz nach
Tübingen verlegt wurde, ein Gedicht, das in den Blättern des
Albvereins veröffentlicht wurde:
Einst führt uns innerer Drang zusammen,
und der Begeisterung edler Flammen
durchglühen noch heut den großen Bund.
Eins fühlt er sich im Heimatstreben,
er pflegt was in Natur und Leben
erhebt und schön ist und gesund.
So haben wir’s bisher gehalten
und bleiben fernerhin die Alten,
treu dem Verein auf immerdar.
Vom Volk ist seine Kraft gekommen,
dem Volke soll sein Wirken frommen,
von Jubeljahr zu Jubeljahr.
Egon Schraitle
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