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Landesgrenzsteine – Kontinuität bis heute
Grenzsteine erfüllen in der Hauptsache zwei Aufgaben: Sie markieren
einen Rechtsbereich und machen auf den aufmerksam, der die Rechte in
diesem Rechtsbereich ausübt.
Wer die ansonsten kaum merkbare Grenze von einem Bundesland zum
anderen passiert, wird mit einem großen Schild von einem Bundesland
verabschiedet und kurz darauf freundlich und meist farbenfroh mit dem
Wappen des nun sich auftuenden Bundesland begrüßt. Der so informierte
Autofahrer bekommt die Grenzen der deutschen Bundesländer mit. Ebenso
kann man die Übergänge von Landkreisen beim Passieren wahrnehmen.
Die Renaissance, die moderne Grenzmarken in der letzten Zeit erleben,
ist im Zusammenhang mit Marketingstrategien zu verstehen, die eilige
Automobilisten auf diese Weise darauf hinweisen, wie facettenreich die
Geschichte des jeweiligen Bundeslandes ist, wenn sie die modernen
Landmarken an den Straßen passieren.
In kleinen Städten und Dörfern werden die nüchternen gelben
Ortsschilder, die nach der Straßenverkehrsordnung den Beginn einer
Ortsdurchfahrt markieren, durch allerlei Tafeln, Säulen und Stelen
ergänzt. Viele Gemeinden aller Größen zeigen somit ihren
Herrschaftsbereich, obwohl diese neuen „Grenzsteine“ keine rechtliche
Funktion haben. Eine solche üben immer noch ihre meist weniger
prachtvoll ausgefallenen Vettern aus, die im tiefen Gras versteckt als
Stein oder Vermessungspunkt dieser Aufgabe nachkommen.
Baden-Württemberg ist allein schon wegen seiner Zusammensetzung mit
Grenzzeichen reich gesegnet. 1952 wurde aus den früheren Ländern Baden
und Württemberg sowie durch Hinzufügung des preußischen
Regierungsbezirks Sigmaringen das neue Bundesland gebildet. Dass
zwischen 1945 und 1952 auf diesem Gebiet drei von den
Besatzungsmächten zusammengeschmiedete Länder lagen, wollen wir
weniger wegen ihrer Unbeliebtheit als wegen der Tatsache außer Acht
lassen, dass deren Grenzen nicht mit Grenzsteinen versehen waren.
Den Verlauf der Grenze zwischen Baden und Württemberg kann man
heute noch in weiten Teilen ausmachen: Im Schwarzwald und in
Oberschwaben stehen noch die Grenzsteine vor Ort, weil sie auch
gleichzeitig die Grenze zwischen Gemeinden markieren. 1806 wurde Baden
mit Hilfe Napoleons von einer Markgrafschaft zu einem Großherzogtum
erweitert, Württemberg stieg ebenfalls mit Hilfe des Korsen vom
Herzogtum zum Königreich auf. Beide konnten ihren Herrschaftsbereich
um ein Vielfaches vergrößern. Nach Kriegsende und Revolution 1918
firmierten die beiden Länder unter der Bezeichnung „Freistaat“.
Was zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Landesebene zusammengefügt
wurde, bestand seinerseits wieder aus einer Vielzahl von Herrschaften
und Territorien, Ämtern und Vogteien. Das alte deutsche Kaiserreich,
das in der napoleonischen Zeit unterging, war bekanntlich über alle
Maßen zersplittert und diese Zersplitterung war im deutschen Südwesten
am größten. Die vielen weltlichen, geistlichen und
reichsritterschaftlichen Herrschaften machten die Landkarte zum
sprichwörtlichen Flickenteppich. Selbst kleine Dörfer konnten aus
mehreren Herrschaften bestehen – der deutsche Südwesten war das Land
der Grenzsteine. Alle diese Herrschaften galt es deutlich voneinander
zu scheiden und das tat man am besten durch Grenzsteine. Darauf
prangte ein mehr oder weniger stattliches Wappen der
Herrschaftsinhabers oder auch nur die Initialen der beiden
Herrschaften. Die alten Grenzsteine sind Zeugen der Zersplitterung
unseres Landes, sie sind sichtbare Zeichen unserer höchst
komplizierten Territorialgeschichte und somit Symbole für eine
vielschichtige Vergangenheit des deutschen Südwestens.
Die beständigsten Grenzen haben die Gemeinden. Die vielen
Verwaltungsreformen haben die Sprengel von Ämtern und Herrschaften
sehr häufig verändert, doch die Gemeindegrenzen sind geblieben. Erst
die Gemeindereform der 1970er Jahre hat auch die Gemeinden durch
Zusammenlegungen und Vereinigungen stark verändert und dabei sind
vielfach die Markungen der eingemeindeten Ortsteile aufgehoben worden.
Die Grenzsteine an den alten Gemeindegrenzen verloren ihre Aufgabe,
die sie Jahrhunderte lang ausübten.
Viele der alten Grenzsteine aus der Zeit vor 1800 sind verloren
gegangen, weil sie ihren Zweck verloren haben, nämlich die Grenzen
einer Herrschaft zu markieren. Sie wurden herausgerissen und vielfach
umgearbeitet, denn behauene Steine waren kostbar. Sie einfach zur
Zierde in den Garten zu setzen, wie es heute allenthalben zu
beobachten ist, darauf wären unsere Altvorderen wohl kaum gekommen.
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