Schwaebischer-Albverein Ortsgruppe Gemmrigheim
  

Rückblicke 1013                                                                                       Gerda Pfeiffer                   

 Wandertage in der Oberpfalz

Nur für kurze Zeit zeigte sich die Sonne am morgendlichen Himmel, als Freunde und Mitglieder  des Schwäbischen Albvereins Gemmrigheim  losfuhren, um ein Wandergebiet in der schönen Oberpfalz zu erkunden. Der Busfahrer erzählte während der Fahrt viel Interessantes über seine Heimat, aber das Gehörte zu verstehen, scheiterte gelegentlich an dessen breitem Dialekt, der für schwäbische Ohren einigermaßen gewöhnungsbedürftig war. Aber nach der Pause, gut versorgt mit frischen Brezeln und einem  Fläschchen Wein, hatte man sich schon ein bisschen in die „Fremdsprache“ eingehört.

In Hinterbrünst, einem Teilort von Georgenberg nahe der tschechischen Grenze, wurde die Wandergruppe in Ute`s Pension herzlich willkommen geheißen. Nach einer  heißen Suppe, einem kühlen Bier oder einem Becher Kaffee schnürte man die Wanderstiefel, schulterte die Rucksäcke und auf ging`s zur ersten Wanderung rund um Georgenberg. Das frische Grün des Waldes und der Wiesen, die leuchtend gelben Rapsfelder, die kleinen Wasserläufe, die sich durch die Wiesen schlängelten, fernab von Verkehrslärm, alles trug dazu bei, dass der erste Eindruck bestätigt wurde – hier lässt es sich herrlich wandern. Ein Abstecher zum Georgsbrunnen musste noch sein, und als jeder seine fotogene Position neben und über dem Brunnen eingenommen hatte, galt es, freundlich zu lächeln und das Erinnerungsfoto war „im Kasten“.

Ein köstliches Abendessen erwartete die Schar bei der Rückkehr und dann wurden unter Akkordeonklängen die altbekannten Lieder angestimmt. Doch wie so oft am ersten Tag einer Reise zog man sich früher als sonst in die gemütlichen Zimmer zurück, um am Morgen ausgeruht zur geplanten Wanderung starten zu können.

Mit dem Bus fuhr man über Weiden –  Witt Weiden war fast allen Teilnehmerinnen ein Begriff, hatten doch ihre Mütter dort die Aussteuer bestellt – nach Falkenberg, wo die trutzige Burg über die Stadt wacht.

Wanderführer Manfred Janker vom Oberpfälzer Waldverein hatte die Route vorbereitet, temperamentvoll und mit viel Wissen um Natur und Umwelt, allen Fragen offen, um keine Antwort verlegen, führte er die Gruppe an. Der OWV hat sich, wie auch der Albverein, dem Naturschutz und der Kulturpflege verschrieben, wobei hier wie dort viel ehrenamtliche Arbeit geleistet wird. Die Wanderer lernten unter anderem die Unterschiede beim Bau von Nistkästen kennen – Blaumeisen haben kleine Einfluglöcher, Kohlmeisen dagegen größere, Spechte nisten in hohlen Bäumen, und Tannen haben Kronen, Fichten jedoch Spitzen,  Zweige der Weißtanne haben eine helle Unterseite, Fichtenzweige sind beidseitig gleichfarben – alles klar?

Wie ursprünglich  die Natur sein kann, wenn der Mensch nicht eingreift, zeigte sich auf dem Weg entlang der Waldnaab. Knorrige Bäume, moosbewachsen, riesige Granitfelsen am Wegesrand, wie von Riesenhand aufgetürmt und im Fluss, abgeschliffen durch das stetig fließende Wasser, blühende Sumpfdotterblumen an den Ufern versetzten die Wanderer in eine andere Welt. Aber die Bewahrer der Natur sehen sich auch einem großen Problem gegenüber: Der Biber, einst hier ausgerottet, wurde wieder heimisch gemacht, dankt es seinen Helfern allerdings nicht im geringsten – im Gegenteil, er und seine große Sippe “fällen“  jede Menge Bäume, die sie dann kunstvoll „verarbeiten“.

Die Wanderung sollte nun auf der anderen Seite der Waldnaab wieder zurückführen, die Vorangegangenen standen jedoch etwas ratlos vor einer kleinen Brücke. Deutlich stand da nämlich zu lesen, dass das Betreten verboten sei. Aber „Manfred voran – wir folgen“ – und schon wurde über die Absperrung geklettert, oder unter ihr durchgekrochen und als dritte Version gab es noch den Seiteneinstieg. Der Weg zurück war nunmehr schmal, dicke Baumwurzeln, rutschig durch vorangegangenen Regen und steile Auf- und Abstiege verlangten erhöhte Aufmerksamkeit. Man konnte fast das erleichterte Aufatmen hören, als  der Biergarten „Waldnaabtal-Hütte“ in Sicht kam.

Die Getränke standen schon auf den Tischen, das Essen war bestellt, als ein Gewitterregen die Besucher ins Haus trieb. Das darauf folgende Durcheinander brachte die Bedienung etwas in Rage, dennoch hatte bald jeder den richtigen Teller vor sich stehen.

Das Gewitter zog vorbei und bei leichtem Regen, der auch bald aufhörte, wurde zurück nach Falkenberg gewandert. Unterwegs konnte man immer wieder über geologische Besonderheiten staunen, auf die Manfred Janker aufmerksam machte. Der Bus brachte die etwas müde Gesellschaft wieder nach Hinterbrünst, wo alle nach dem reichhaltigen Essen gerüstet waren für einen weiteren Abend mit Musik und Gesang. Etwas erstaunt zeigten sich die Gastgeber über den Weinkonsum, war man doch hier eigentlich im „Bierland“.

Wenn das Alphorn des Gemmrigheimer Vorsitzenden ertönte, wusste man, es ist Zeit zum Aufbruch, aber gelegentlich erklang es zu anderen Zeiten, zur Freude auch der Wirtsleute, die dieses Instrument eigentlich nicht hier erwartet hatten.

Gutes Wanderwetter erwartete die Albvereinler am Morgen, als zur angekündigten Grenzwanderung aufgebrochen wurde. Unterwegs erfuhr man von Wanderführer Janker wieder viel Wissenswertes. Glashütten, Papier- und Porzellanmanufakturen, Waffenindustrie verhalfen der Oberpfalz zu wirtschaftlichem Aufschwung. Viele Industriebauten stehen indes heutzutage leer oder wurden nach dem Krieg zerstört.

Beim Weitergehen konnten die „Schatzsucher“ des Vereins auch Manfred Janker so von ihrer Idee überzeugen, dass spontan nach einem guten Versteck gesucht wurde und gute Ratschläge weitergeben wurden.

So gelangte man allmählich zur Gehenhammer-Mühle mit der urgemütlichen kleinen Wirtschaft, wo sich noch das Mühlenrad dreht und eine sogenannte Hammermühle eingerichtet wurde. Flinke Hände versorgten die Durstigen und Hungrigen. Als wieder einmal der Himmel kein Einsehen hatte und es in Strömen regnen ließ, wurde es in der warmen Wirtsstube ziemlich eng. Aber trotz allem konnte man nicht hier festkleben, und so ging es hinaus in den Regen. Der Weg führte durch den Wald, manchmal war es nur ein Trampelpfad, der ab und zu wieder breiter wurde, zu beiden Seiten die Grenzsteine, deutlich mit D und C gekennzeichnet In gleichmäßigem Abstand tauchten die weißblauen bayrischen Grenzpfähle auf. Die Erzählungen von Manfred Janker über die Verhältnisse nach dem Krieg stimmten recht nachdenklich. Ganze Dörfer jenseits der neuen Grenze wurden ausradiert, die Bewohner mussten innerhalb von 14 Stunden ihre Häuser verlassen, Strom und Wasser wurden gekappt, so dass niemand mehr hier wohnen konnte. Dass dies noch Mitte der 50er-Jahre geschah, ist fast unbegreiflich. Bis weit in die neue Tschechei hinein war Niemandsland und noch heute findet man Häuserruinen in den Wäldern, überwuchert von Gestrüpp und Bäumen.

In den bayrischen Grenzdörfern sind oft Tafeln angebracht, welche die Geschehnisse der damaligen Zeit skizzieren. Durch Waldheim, einem Dorf, dessen überwiegender Teil in Böhmen lag, führte einst die große Handelsstraße von Nürnberg nach Prag. Auf ihr marschierten Hitlers Soldaten, als sie im „Feindesland“ einfielen. Heute besteht nur noch ein kleiner deutscher Teil des Ortes, das Schloss, ein großer Meiereihof und die „böhmischen“ Häuser sind zerstört, nur noch das ehemalige Zollhaus kündigt von früheren Zeiten. Unmittelbar hinter dem letzten Haus an der Heerstraße fängt Tschechien an.

Weiter ging es durch den urwüchsigen Wald, mal auf deutscher Seite, mal auf tschechischer. Ein riesiger Biberdamm wurde besichtigt, seine Bewohner wollten sich jedoch nicht zeigen. Diese Dämme können recht lästig werden, versperren sie doch häufig dem Wasser seinen ursprünglichen Weg. Auch hier ist der OWV gefordert, um gelegentlich einen Durchbruch zu schaffen – keine einfache Arbeit. Und noch eine weitere Besonderheit zeigte Manfred Janker: an einem Ortsrand wurde ein ausgedienter Bierkeller zu einem Fledermauskeller umfunktioniert. Die flinken Tierchen verirren sich durchaus auch mal in offene Fenster, aber „sie verschwinden auch schnell wieder“ – so der Wanderführer.

Unter vielem Erzählen gelangte man zurück in Ute`s Pension, wo ein bayrischer Abend angesagt war. Ein Büffet mit vielerlei Köstlichkeiten war aufgebaut, eine Drei-Mann-Kapelle stand bereit, um die Gäste zu unterhalten und so wurde am letzten Abend in Hinterbrünst zünftig gefeiert, manche hielten sogar durch bis nach Mitternacht.

Daher sah man am nächsten Morgen in etliche übermüdete Gesichter, als zum letzten Mal eine Halbtageswanderung unternommen wurde. Noch einmal ging es nach Tschechien. Mitten im Wald befindet sich eine Gedenkstätte für eine Hebamme, die vielen Kindern auf die Welt half, ob deutsch oder tschechisch. Der weitere Weg war durch Regen und Holzfäller-Arbeiten total aufgeweicht, aber bald machte eine befestigte kleine Straße das Wandern leichter. An überwucherten Häuserruinen kam man auch diesmal wieder vorbei, das einzig „Überlebende“ ist ein Kriegerdenkmal aus dem ersten Weltkrieg.

Schließlich kam das schon vertraute Haus in Hinterbrünst in Sicht, ein letztes Mal zeigte die Köchin ihr Können und so gestärkt, mit vielen herzlichen Dankesworten an Ute und ihr Team, an Manfred Janker und natürlich auch an die Organisatoren Erwin und Ute Unger verabschiedete man sich. Es waren erlebnisreiche Tage in der schönen Oberpfalz, und vielleicht sind einige doch nicht zum letzten Mal hier gewesen.

             zur Bilder_Show               zu den Wanderstrecken:       Waldnaabtal       bei Leßlohe 

                                                       

 

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