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12. April 2011
Zum
Gaunaturschutzwartetreffen des Schwäbischen Albvereins 2011
Verlorene Natur
Liebe Natur- und Wanderfreunde,
am Samstag 9. April 2011 trafen sich wir 24
Naturschutzkolleginnen und –kollegen aus den Gauen des Schwäbischen
Albvereins zur diesjährigen Fachtagung im Wanderheim „Rauher Stein“.
Wenige Meter vom Steilrand des Oberen Donautals, unweit des
Aussichtsfelsens Rauher Stein, bei Irndorf, Kreis Tuttlingen,
gelegen. Das Thema Natura 2000 - Gebiete war das beherrschende Thema
des Vormittags.
Wenn ich die Europäisierung unserer
Naturschutzgebiete und Lebensräume so erlebe, wird mir einerseits
schwindelig, andererseits finden sie dadurch mehr Beachtung:
FFH-Gebiete wie das Obere Donautal, Vogelschutzgebiete wie im
Albvorland im südlichen Kreis Esslingen und hoffentlich bald ein
deutlicherer Schutz der Linienbiotope. Das bedeutet beobachten und
Vorschläge machen. Natürlich fördere ich das nach Kräften. Für die
Albvereinler der Globalisierung ist internationale Erfahrung mit der
Natur und ihren Reservoiren schließlich das A und O. Aber sie ist
mir befremdend.
Cornwall ist nicht die Filder. Meine früheste
Globalisierungserfahrung war die Gemeindereform. Sie machte aus
Kemnat, dem Ort meiner Kindheit, Ostfildern. Nahezu alle in Kemnat
waren dagegen. Nichts verband die heutigen vier Orte, nicht einmal
eine Buslinie oder gar der Naturschutz. Inzwischen ein Gewinn.
Seit 25 Jahren bin ich der Kartiergruppe
Naturkundebuch für Ostfildern. In diesem Kreis habe ich vor zehn
Jahren erstmals etwas von Natura 2000 und später von ihren
Differenzierungen erfahren. Dort heißt die neue Globalisierung:
Lebensraum Filder. Dieser Titel fühlt sich für die Menschen in
Plochingen, Baltmannsweiler oder Neuffen kalt an, unförmig groß,
anonym. Wer ortsnahe Feldschützarbeit oder Kontrollgänge leistet ist
noch lange keiner, der einen Teil der neuen europäischen Richtlinien
versteht oder kennt. Verlieren wir a) zum einen unsere Naturräume an
Brüsseler Behörden b) verlieren wir Ansprech- und
Solidaritätspartner in den Naturschutzbehörden der Nähe?
Traktorenbesitzer oder Autofahrer hielten
deshalb gern an ihren alten Rostlauben fest, nur um das gewohnte NT
im Kennzeichen behalten zu können. Diese Sehnsucht nach dem Heimat-
und Lebensraumgefühl am Pkw ist bis heute ungestillt - auch in den
untergegangenen LEO; VAI und EHI. Und diese Sehnsucht ist so stark,
dass jetzt sogar die Landesverkehrsminister ihr nachgegeben haben
und die alten Kennzeichen wieder freigeben wollen.
Warum man gegenüber drei Buchstaben im
Autokennzeichen fremdeln oder mit ihnen kuscheln kann, ist sicher
mancher / manchem unverständlich. Unsere bekannten Abkürzungen NSG,
LSG oder ND werden überlagert von EU-Bezeichnungen wie FFH oder SAC.
Jetzt geht es verstärkt darum, wie wir auf der
Tagung erfuhren, die in den Natura 2000-Gebieten vorkommenden
Lebensräume und Arten dauerhaft zu schützen. Grundlage hierfür sind
in Baden-Württemberg die Managementpläne (MaP), in denen die
vorkommenden Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten erhoben und
Erhaltungs- und Entwicklungsziele und -maßnahmenvorschläge
erarbeitet werden. Die Umsetzung auf der Fläche erfolgt insbesondere
über Agrarumweltprogramme. Instrumente hierfür sind:
Landschaftspflegerichtlinie (LPR),
Marktentlastungs- und Kulturlandschaftsausgleich (MEKA) oder
Artenschutzprogramme (ASP).
Mit dem Marktentlastungs- und
Kulturlandschaftsausgleich (MEKA), der Ausgleichszulage für
Landwirtschaft in benachteiligten Gebieten und Berggebieten (AZL)
und der Landschaftspflegerichtlinie (LPR) werden z.B. Leistungen zur
Pflege und Erhaltung der Kulturlandschaft honoriert,
Ausgleichsleistungen für die Bewirtschaftung
von„Grenzertragsstandorten“, also Flächen mit bescheidenem Ertrag,
bezahlt oder Projekte des „Vertragsnaturschutzes“ unterstützt. Zu
den „drei Klassikern“ kommen weitere Initiativen wie die Gründung
von Landschaftserhaltungsverbänden, z.B. im Ostalbkreis, die
PLENUM-Konzeption, Heckengäu, die Naturparkförderung oder
verschiedene Modellprojekte zur Offenhaltung der Kulturlandschaft.
Am Nachmittag fuhren wir mit akuten Problemen
auf. Was Bahnhofsbaustellen, Autobahntunneln oder Atommeilern nur
zeitweise zugemutet wird, erleiden wir Naturschutzwarte permanent:
Das moderne Leben ist ein dauerhafter Stresstest. Unsere Abwässer
sind fast schon geleast, E 10 kostet wertvolle Nutzfläche und unser
Verein sucht sich im Naturschutz ein moderneres, inhaltsbetonteres
Erscheinungsbild. Würde es da nicht die schwäbische Seele
streicheln, wenn die Brezel endlich Weltkulturerbe wäre, geadelt und
geschützt vor der Flut von Pseudo-Ciabattas, Donuts und Muffins? Und
es stärkt die Bedeutung der Rohstoffe auf unseren Feldern.
Und während er sein seine? Brezel verzehrt,
schauen wir die Landesschau, die - der SWR hat es früh erkannt - ein
erfreulicheres Weltbild vermittelt als die Tagesthemen. Deshalb
kommen die wahren Helden aus Neuenweg im kleinen Wiesental, dem
einzigen Ort des Landes, der 2010 Gold gewonnen hat bei "Unser Dorf
hat Zukunft." Dabei ist Neuenweg gar kein Ort, sondern nur noch ein
Ortsteil von Kleines Wiesental. Kein-Ort heißt altgriechisch Utopia.
Die Natur darf für uns nicht nur wahre Utopie werden.
Nicht nur im kleinen Wiesental sind die Wiesen
ein wertvolles Refugium. Von den„Wiesen“ hat jeder eine Vorstellung.
Wenn wir aber erklären sollen , was eine Wiese ist, dann tun sich
viele doch schwer. Bei den Wiesen handelt es sich im Gegensatz zu
den meist kurzrasigen Weiden um von mehr oder weniger hochwüchsigen
Süßgräsern und Kräutern beherrschte geschlossene Grasfluren der
gemäßigten Klimazone auf mäßig trockenen bis feuchten (mäßig nassen)
Standorten, die mindestens einmal im Jahr gemäht werden.
Entsprechende Kräuter-Gras-Fluren anderer
Klimagebiete sind die Steppen (durch Winterkälte und
Sommertrockenheit geprägtes Grasland), die Prärie (Grasland im
Innern Nordamerikas), die Pampa (Grasland in Südamerika) und die
Savanne (tropisches Grasland, teilweise mit eingesprengten, meist
niederwüchsigen, locker stehenden Gehölzen).
Ein letztes. “Solar" bedeutet "Zur Sonne
gehörend, von ihr ausgehend". Wir haben einige Freiflächen, die
Nichtertragsflächen sind, wie zum Beispiel Autobahnböschungen oder
Gleisbegleitflächen. Wir schlagen vor, diese in den Planungen von
Standorten für Sonnenkollektoren stärker einzubinden.
Jürgen Gruß
Gaunaturschutzwart
Esslinger Gau
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