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Sebastian-Sailer-Medaille-Verleihung an Egon Rieble

Geboren wurde Egon Rieble am 20. Mai 1925 in Rottweil.
Er kommt aus traditionsreicher Göllsdorfer Familie (seit 1316).
Das diminutive Suffix am Familiennamen ist fast schon eine Wegweisung zur mundartlichen Poesie.
Im 2. Weltkrieg war der noch nicht 20-jährige Egon Rieble Jagdflieger (Ju 87, Focke-Wulff, Me 109), was seine Art zu sehen und Bewegung zu erleben, aber auch sein Verhältnis zur Technik nachhaltig beeinflusst hat. Von seinem Einsatzgebiet her har er damals zu Ober- und Niederösterreich starke Beziehungen entwickelt. Ich denke, der Begriff "Weltoffenheit" trifft aber nicht nur von daher bis heute auf Rieble zu.
Sein Abitur machte Egon Rieble nach dem Krieg am AMG in Rottweil.
Es folgte das Studium der Germanistik, der Kunstgeschichte und der Philosophie an der Uni Tübingen.
Egon Rieble veröffentlichte in dieser Zeit seine ersten literarischen Arbeiten.
Rieble wurde tätig als Lehrer, später als Kulturreferent des Landkreises Rottweil.
Egon Rieble wirkte auch in der Kommunalpolitik (Ortschaftsrat, Gemeinderat).
Rieble ist Träger der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Bis heute zeichnet er sich aus durch ein umfangreiches, unermüdliches, kaum glaubliches kunst- und literaturpädagogisches Wirken.

Egon Rieble schreibt nicht nur Mudart.
Seit 1963 kunstgeschichtliche Sachbücher (Kunst im Kreis 3 Hefte 1968 ff., Sehen und Entdecken 1980, Wilhelm Kimmich 1982).
Seit 1968 hochsprachliche Lyrik (Im Fadenkreuz der Sinne)
Kunst- und Literaturbeiträge in Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen
Gedichte, Anthologien und Lesebücher
Einführungen in Kunstausstellungen, Kataloge und Texte

Egon Rieble schreibt aber auch Mundart.
Er weiß, von welchen Gegenständen und Themen er in Mundart schreibt.
Er weiß, wie er in Mundart zu schreiben hat.
Der Schwerpunkt des mundartlichen Schaffens liegt für Egon Rieble bei der mundartlichen Lyrik.
Egon Rieble schreibt in der Mundart von Göllsdorf, seinen Heimatort vor den Toren Rottweils. Er schreibt mit auffallender Präzision, außergewöhnlicher sprachlicher Konzentration und großer Anschaulichkeit, plastisch und farbig. Der Literat Rieble ist für seine Zuhörer bzw. Leser sozusagen das personifizierte Brennglas vor seinem Objekt. Er verdichtet Assoziationen und löst dabei wieder neue aus. Das gelingt ihm dank außergewöhnlicher thematischer und sprachlicher Originalität. Für ihn gilt: Man kann nur sehen - und anderen zeigen -, was man mit dem Herzen erkennt. Und Egon Rieble will zeigen, andere sehen lassen. Mundart - und gerade Mundart - verwendet Egon Rieble somit auch sozial, sie macht ihn andererseits umgekehrt zum kündenden Künstler.

Solche Festlegungen gelten - nicht nur - aber vor allem für die Bände:
1978 Em Jesusle isch langweilig
1980 Dr oane geit's dr Herr im Schlof
2003 Guk au dr Gabriel

Damit sind Affinität thematischer Art und von der literarischen Intention her zu Sebastian Sailer gegeben. Egon Rieble schreibt über "die Heiligen" und für seine Mitmenschen  - ganz wie Sebastian Sailer.
Affinität besteht aber auch zur humorvollen, wohlwollend schmunzelnden, lebenserfahrenen, leicht ironischen, kaum einmal sarkastischen Sichtweise Sailers. Betonen möchte ich noch einmal Riebles hohes sprachliches Assoziationsvermögen.
Riebles Intention ist von großer Unmittelbarkeit. Er schreibt nicht von den großen, allseits bekannten, aber auch fernen Kunstwerken. Er zeigt auf den Bildstock oder das Wegkreuz im Nachbardorf, auf die Pieta in der Kapelle oder die Besonderheit im Kirchenfenster. So wird scheinbar Selbstverständliches verständlich, Übersehenes erst gegenwärtig. Dazu braucht es kein Studium, obwohl Daten, Fakten oder Maße bei Egon Rieble durchaus präsent sind. Die Mundart wird statt dessen fast zur naturwissenschaftlichen Messeinheit, zum ästhetischen Maßstab.

Egon Rieble bewegt sich nicht stur oder gar imitierend in den literarischen Fußstapfen Sebastian Sailers, aber er begleitet sie 250 Jahre später gelegentlich in ähnlicher Richtung. Egon Rieble schreibt darüber hinaus höchst originell Mundart von hoher Qualität. Er teilt in der Mundart Substanzielles mit - mit großer Originalität und aus einem sehr persönlichen, unverwechselbaren Blickwinkel. Darum ging es auch Sebastian Sailer - und dem Schwäbischen Albverein bei er Verleihung der Sebastian-Sailer-Medialle.

Dr. Winfried Hecht
 

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